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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 24.06.2012 

 


 

Die dörflichen Regeln

Unsere
Dörfer waren um 1750 noch nicht, wie heute, die unterste Ebene der staatlichen Organisation, sondern eine auf konkrete Aufgaben beschränkte Einheit der landesherrschaftlichen Verwaltung. Ihnen oblag der Feuerschutz, die Aufsicht über Gewässer, Wegebau, Wachdienst, Allmendnutzung und Flurzwang. Die Dorfgemeinschaft bestand aus:

a) den
Gemeinsleuten mit besonderen Pflichten bei der Verwaltung des Dorfes, dafür hatten sie auch besondere Rechte, wie die Teilhabe am Gemeindenutzen (Allmende) und Stimmrecht im Haingericht,

b) den Beisassen, ohne dörfliche Rechte und Pflichten, ohne Stimmrecht in der Gemeindeversammlung und ohne an den Dorfnutzen teilzuhaben,

b) den Knechten und Mägden, die aufgrund eines Arbeitsvertrages vorübergehend im Dorf Dienst taten.

Als Gerichtsverwandte werden in den Urkunden die Schöffen d
er verschiedenen Gerichte bezeichnet.

Die meisten Hubhöfe des Dorfes (ein landwirtschaftlicher Hof, welcher mit
einem Pfluge bestellt werden kann und demnach der Arbeitskraft einer Familie entspricht - Wikipedia) waren Eigentum der Bauern, beschwert mit einer ganzen Anzahl dinglicher Lasten, die zwar alle nicht hoch waren, aber in ihrer Vielfalt zur drückenden Balastung der Bauern wurden, vor allem galt dies für die Frondienste. Höfe und Hofteile der Herrschaft wurden verpachtet oder im Erbbestand vergeben: Die Frankensteiner hatten in Nieder-Beerbach ein Hofgut mit Hofhaus, 110 Morgen Ackerland, 10 Morgen Wiese, einer Schäferei für 400 Schafe und einer Mühle, die als Lehen an die von Wallbrunn vergeben war. Sie wird als „Mahlmühle mit einem Gang“ beschrieben. 1662 kam sie mit Burg und Herrschaft Frankenstein an Hessen, das Hofgut wurde nach 1800 aufgeteilt.

Das Dorf selbst war zwar eine funktionierende Einheit, doch bestand eine deutliche soziale Schichtung. Es gab 1630 in Nieder- Beerbach 7 Zweispännige, 1 Einspänniger und 11 Einletzige nach der Zahl der Spanntiere für den Frondienst. Ein- oder Zweispännige waren Bauern, die ein- oder zweispännig fahren, also ein oder zwei Zugtiere einspannen konnten. Spann-, also Fuhrdienste, waren häufige Frondienste, die den Bauern Arbeit, Kosten und Einkommensverluste verursachten. Einletzige verfügten über kein Gespann und waren deshalb „Handfröner“.

Nur Kinder gleichbegüterter Eltern konnten eine Ehe miteinander eingehen, in den meisten Fällen wurde der Ehepartner schon in der Jugend von den Eltern bestimmt, war dies nicht möglich, hat man den „
Schmuser“ eingeschaltet als Agent (häufig ein Viehhändler, der die Größe und den Reichtum der Bauernhöfe am besten kannte).

Die Fachliteratur spricht um 1750 von „3 aufeinander bezogenen Rechtskreisen“ unserer Dörfer, die etwa um 1300 ihre für Jahrhunderte verbindliche Ausprägung erfahren haben, nämlich:

A. Die eigentliche Siedlung

mit den Gebäuden, hinter denen sich die Gärten (die „Beune“, bei uns im Odenwald auch „Bangerte = Banngärten“) erstreckten. Sie waren vom Flurzwang frei und konnten individuell genutzt werden.

Wegen des Flurzwangs hat man auch die Kartoffel anfänglich in die Gärten gepflanzt.
Hochfürstliche Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung 1778, Nieder-Beerbach: „Unsere Kartoffeln pflanzten wir zuerst nahe an das Dorf, ins beste Feld, jetzt thut man sie weiter ins Brachfeld“, wo sie dann zehntpflichtig wurden.

Die Bearbeitung der Gärten war Aufgabe der Bäuerin, hier pflanzte sie Salate, Gemüse und Gewürzpflanzen für die Küche und zur Behandlung von diversen Wehwehchen Heilkräuter nach alten Rezepten, die bis in die Karolingerzeit zurückgehen. Natürlich fehlten auch recht farbenfreudige Blumen nicht.

Hofreiten und Gärten bildeten einen eigenen Friedensbezirk, den Etter, der von einem Bannzaun, dem Hag, umgeben war. Die Gerichtsordnungen unterscheiden deshalb Vergehen innerhalb und außerhalb des Dorffriedens.

Die Nieder- Beerbacher Haingerichtsordnung begrenzt den Friedensbezirk wie folgt:

Von gemeinen Ban Zeunen, Falthor, Hoff nd Garten Frieden/ : Zum Achten, den Dorff Frieden oder Ban Zaun anlangt, so fangt derselbig an dem Pfarrhoff, streckt sich vort biß an das Falthor bey Müllers Hannß Hauß, von dannen biß bey das andere Falthor bey Peter Weißen Garten, Furters biß an das Muhl Falthor, und von demselbigen Falthor an biß bey das Vierte Falthor bey Sips [Sixtus] Madern Hauß. Undt von demselbig biß wieder an den Pfarrhoff.

Zum Neunden soll dießer Dorff Frieden von den Nachbarn, soweit sich eines jeden Güter erstrecken, gehandhabt [unterhalten], die Zeun mit fünff Ehlen (Ellen) hoch gemacht, und von Laubrechten Wellen [Wellen= Zweige für den Flechtzaun] beschlagen werdten. Also von Alters her auf uns kommen“.

Diese Beschreibung gibt ein gutes Bild vom Etter mit dem Bannzaun. Dieser war mit Gerten aus frischem Holz geflochten, wie wir das von vielen Bildern des Mittelalters kennen. Im Sandsteinodenwald bestanden die Zäune aus Steinplatten, denStellsteinen“, die mancherorts erhalten sind, etwa in Hesselbach oder der Höhensiedlung Hohberg.

Mittelpunkt der meisten Dörfer war der Dorfplatz mit Friedenslinde, Kirche und Dorfbrunnen. Hier oder während des Mahlens in der Dorfmühle trafen sich die Dörfler und besprachen ihre Sorgen, dabei wurden natürlich auch die nicht anwesenden Dorfbewohner „durchgehechelt“.

B. Die Feldmark,

die dem Flurzwang der Dreifelderwirtschaft unterworfen war und nach der Ernte als gemeinschaftliche Viehweide genutzt wurde. Brache und die abgeernteten Felder standen jedoch in erster Linie den herrschaftlichen Schafherden zur Verfügung, für die Triftwege angelegt werden und eine Abgabe für den Dung bezahlt werden musste. Mit der Bewirtschaftung der Brache und dem Übergang zur Stallfütterung im 18. Jh. verlor die Schafweidegerechtigkeit der Gerichtsherrschaft ihre Bedeutung und wurde durch eine Geldrente abgelöst.

Das im Mittelalter vorherrschende Bodennutzungssystem war die Dreifelderwirtschaft mit dem Flurzwang. Die Feldmark der Dörfer war in drei Gewanne eingeteilt, deren Nutzung einer jährlichen Rotation unterworfen war. Diese Rotation war den Bauern von der Gemeindeversammlung vorgeschrieben. So wurde etwa im Herbst im ersten Gewann Winterfrucht (Winterweizen, Roggen, Raps), im zweiten Gewann im Frühjahr Sommerfrucht (Hafer, Gerste, Hülsenfrüchte) gebaut, während das dritte Gewann brach liegen blieb und beweidet wurde. Diese Rotation führte zu einer Erholung des intensiv genutzten Bodens, der zudem durch den Weidebetrieb gedüngt wurde.

Besondere Aufmerksamkeit bedurften bei der Planung und der Praxis Überfahrtswege und Ähnliches, was oft zu Streitigkeiten führte und die örtlichen Gerichte beschäftigten.

Die Dreifelderwirtschaft verlor bei den landwirtschaftlichen Reformen des 18. Jh. ihre Bedeutung. Bei diesen Reformen haben aufgeklärte Pfarrer eine bedeutende Rolle gespielt, denn sie konnten die Erfahrung bei der Bewirtschaftung ihrer Pfarrgüter einbringen. Im Odenwald hat Pfarrer Johann Adam Groh die Rolle des Reformers übernommen und ist durch seinen Ausspruch:Da hilft alles Beten nichts, da muss Mist her“ berühmt geworden. In Nieder-Beerbach war es Pfarrer Philipp Moritz Scriba, der Vater des bekannten Chronisten, Dr. Heinrich Edmund Scriba, der sich besondere Verdienste um den Übergang zur Stallfütterung, die Bebauung der Brache und den Kartoffel- und Kleeanbau, erworben hat. Auch spielte er bei der Gründung der Weiler Steigerts, Heinzenklingen und Ziegenschall auf bisherigem Ödland eine Rolle.

C. Die Allmende,

der Gemeindebesitz aus Weiden und Wald, der den Allmendberechtigten der Gemeinde (den vollberechtigten Gemeinsleuten) gegen Entgelt überlassen wurde.

Um die ganze Gemarkung zog sich der aus Gräben mit Hainbuchenhecken besetzte Bannzaun zum Schutz gegen Wild und Raubgesindel, dies ist noch heute gut an den Gemarkungsgrenzen von Nieder-Ramstadt am Bordenberg zu beobachten. Zugänglich waren diese Bannzäune, wie auch der Dorfhag, durch Falltore, zu deren Pflege sowie für die Unterhaltung der Zäune die jeweiligen Anlieger zuständig waren, sofern nicht bestellte Gemeindebedienstete diese Aufgabe übernahmen. Sie waren auch für das Schließen des Falltors in der Nacht verantwortlich. Wenn sie diesen Pflichten nicht nachkamen und Lücken im Zaun entdeckt wurden, wurde eine Lückenbuß“ fällig.

Als die Gemeindeordnung von 1821 die Gleichstellung aller Ortsbürger brachte, hatten auch die bisherigen Beisassen Anspruch auf Teilhabe am Gemeindenutzen. Dies sahen die Gemeinsleute als Eingriff in ihre traditionellen Rechte, deshalb kam es in der Folge zu zahlreichen Prozessen gegen die Gemeinden, die ja nichts anderes taten, als gesetzliche Vorgaben umzusetzen. Durch all diesen Streit erließ man 1852 das Gesetz „Die Gemeindenutzen der Ortsbürger betreffend“, das bestimmte, dass zur Teilnahme an den Allmendnutzen nur solche Bürger zugelassen werden, welche das 25. Lebensjahr vollendet hatten, verheiratet waren und in der Gemeinde wohnten.


 

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Heinz Bormuth