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Die Mühlen

Stand: 19. Aug 2012

 

 

 


 

Technik der Mühlen - Handwerkskunst und Wasserkraft

Anlegen einer mittelalterlichen Mühle

Der Landesherr, als Herr über Wasser und Weide, hatte das alleinige Wasserrecht. Nur er konnte den Bau einer Mühle gestatten und bezog dafür den jährlichen Wasserfallzins vom Besitzer der Mühle. Erbaute er die Mühle selbst und verpachtete sie, so erhielt er dafür den jährlichen Mühlenzins pro Mahlgang. Erhaltungsreparaturen an Gebäuden und Mahleinrichtung mußte der Pächter vornehmen.

Eichpfähle legen die Stauhöhe der Wehre fest, über die das Wasser auf das Mühlrad (auch: Wasserrad) geleitet wird. Sie bestehen aus einem Eichenpfahl, der im Bachbett vor dem Wehr verankert ist. Der Pfahl trägt eine Kupferkappe, in der der landgräfliche Löwe, die Jahreszahl der Setzung und oben ein sog. Eichnagel eingeschlagen ist. Es gilt die Formel:

Eine Fliege, die sich auf den Eichnagel setzt, darf niemals ihre Flügel mit Wasser benetzen.“

Da Hochwässer die Eichpfähle immer wieder hinweggerissen, mußte ihre Lage, vor allem in der Höhe, protokollarisch genauestens festgehalten werden. Die ganze Aktion des Vermessens und Setzens des Eichpfahles dauerte meist zwei Tage. In der Zeit mußten die Amtspersonen vom Müller verköstigt werden, was bei gutem Hunger und Durst meist teuer kam.

Der Oberlieger achtete darauf, daß nicht zu hoch angestaut wird, damit sein Wasserrad keinen Rückstau erfuhr. Das mehrseitige Protokoll zeigt dann auf, wie schwierig die Verhandlungen waren, bis alle Beteiligten zufrieden gestellt waren.

Anfänglich wurden nur unterschlächtige Wasserräder gebaut, wobei das Wasser unten gegen die Radschaufeln schlägt. Der Wirkungsgrad war nicht sehr hoch. Diese Mühlen standen direkt am Bachlauf, der durch einen Damm gestaut wurde, in dessen schmalem Durchlaß sich das Wasserrad bewegte.


unterschlächtiges Mühlrad

Die Dammhöhe war festgelegt, die darüber liegende Mühle durch Rückstau nicht beeinträchtigt wurde. Durch einen im Bachbett eingerammten Eichpfahl wurde die Stauhöhe festgelegt. Oft kam es wegen Veränderung der Stauhöhe zu Streit unter den Müllern.


mittelschlächtiges Mühlrad

Oberschlächtige Wasserräder, die seit dem 14. Jahrhundert bekannt wurden, verbesserten den Wirkungsgrad der Mühle. Sie bedingten aber meist die Anlage eines Mühlgrabens weit oberhalb der Mühle, um das notwendige Gefälle zu erreichen.


oberschlächtiges Mühlrad

Den Aufbau der Gebäude und des Mahlgeschirres nahm entweder der Müller selbst oder ein Zimmermann vor. Den spezialisierten Beruf des Mühlenbauers, genannt Mühlarzt, gab es noch nicht.

Wasserrad und Getriebe bestanden aus Holz. Aus diesem Grund mußte pro Mahlgang ein Wasserrad vorhanden sein, da die Festigkeit der Holzgetriebe zum Antrieb von mehreren Mahlgängen nicht ausreichte.

Außer dem Mitnehmer für den Läuferstein, Haue genannt, und der senkrechten Triebachse, dem Mühleisen, waren alle anderen Teile des Mahlwerks aus Holz. Die beiden Mahlsteine wurden meist aus Odenwälder Sandstein geschlagen. Haltbarere Steine aus Basaltlava bezog man aus der Eifel. Die weitaus besten waren aber die „Franzosen" aus Quarzit, die in der Champagne hergestellt wurden. Nur wohlhabende Müller konnten sich diese Steine leisten.

Auf derartigen Mühlen konnte im 24-Stunden-Betrieb, je nach vorhandenem Wasser, 3 - 5 Malter Getreide gemahlen werden, d.h. 350 - 450 kg je nach Getreideart. Als Entgelt für seine Arbeit erhielt der Müller den „Molter", dies war in Nieder-Ramstadt der 16. Teil der zu mahlenden Frucht.

Die Arbeit des Müllers und die Funktion seiner Mühle

Der Müller schüttete das Getreide in einen Holztrichter, den Rumpf, der an Lederriemen pendelnd über dem Mahlgang aufgehängt war und von dem drehenden Mahlstein über Nocken in rüttelnde Bewegung versetzt wurde.

Hierdurch rieselt das Getreide stetig in die zentrale Bohrung des Läufersteines nach. War der Trichter leer, wurde durch eine Fallklappe ein Klopfer in Bewegung gesetzt und der Müller durch das Geräusch zur Nachfüllung aufgefordert.

Der Mahlgang bestand aus zwei flachen, kreisrunden Sand- oder Lavasteinen. Einer davon, der Bodenstein, lag fest verankert auf dem Boden der Mahlstube. In seiner zentralen Bohrung war eine runde Eisenachse senkrecht und drehbar gelagert, das Mühleisen. Es wurde vom Getriebe im darunterliegenden Stockwerk in Drehung versetzt. Auf seinem oberen Ende saß ein rechteckiges Eisenstück quer, die Haue. Sie griff als Mitnehmer in den oberen Mühlstein, den Läufer, ein und versetzte ihn in Drehbewegung.

Mühleisen und Haue sind die einzigen Eisenteile des Mahlgangs und damit für den Müller sehr wertvoll. Sie hielten den Läufer über dem Bodenstein in Schwebe, wodurch sich beide nicht berührten, sondern zwischen ihnen ein Luftspalt, der Mahlspalt, entstand.

Das durch die Mittelbohrung des drehenden Steines einrieselnde Getreide geriet zwischen die Steine, wurde dort zerrieben und gelangte aufgrund der Fliehkraft nach außen zum Rand der Steine. Eine Holzeinfassung, die Zarge, ließ dem Mahlgut nur einen Ausgang offen, durch das Ausfalloch in den Mehlsack.

Nun mußte das Mehl von Hand ausgesiebt werden, eine mühsame Arbeit. Der zurückgebliebene Schrot mußte die Steine noch mehrmals passieren, damit auch die letzte Spur Mehl noch herausgeholt werden konnte.

Das Beutelwerk

Eine Besonderheit der Deutschen Mühle war das seit karolingischer Zeit bekannte „Beuteln" des Mehles. Die schwere Arbeit des Aussiebens veranlaßte die Müller, eine automatische Siebvorrichtung zu bauen. Hierbei rieselt das Mahlgut aus der Zargenöffnung direkt durch einen ofenrohrdicken Leinenschlauch, der diagonal von oben nach unten in einen Kasten eingespannt ist.

Dieser „Schlagbeutel" wird vom Getriebe über Nocken und eine sinnvolle Hebelvorrichtung, die Rüttelgabel, geschüttelt, damit das Mehl in den Kasten fällt.

Die Kleie verläßt am anderen Ende des Schlauches den Kasten durch ein Loch in der Wand.

Dieses wird in einigen Mühlen mit einer Fratze versehen, dem sogenannten Kleiekotzer, einem Sinnbild des Mühlengeistes, der den Mahlgang vor bösen Einflüssen schützen soll.

Nicht nur das Aufschütten des Getreides und das Aussieben des Mehles beschäftigte den Müller. Viel Arbeit machte ihm auch die Instandhaltung seines „Mahlwerkes".

Der Mühlgraben mußte gereinigt und das Wehr instand gehalten werden. Bei Niedrigwasser mußte gestaut, bei Hochwasser die Flut abgewendet werden. Im Winter mußte das Wasserrad eisfrei gehalten werden, sonst kam die Mühle zum Stillstand und das Eis zerstörte das Rad.

Die Mühle war stets sauber zu halten, und der Mahlgang selbst verlangte viel Pflege. Die ursprüngliche Verwendung von Sandstein für die Mahlsteine erforderte eine ständige Nachschärfung der Mahlflächen, da sie sich schnell abschliffen.

Oft brachen auch Zähne der Holzzahnräder, Kämme genannt, die aus Eschenholz nachgeschnitzt und eingesetzt werden mußten. Wollte der Müller etwas verdienen, so konnte er sich nicht viel Ruhe gönnen. Die Arbeit des Müllers besingt auch das alte Volkslied:

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp,
bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach, klipp-klapp . .
.

Das Klappern der Mühle wurde durch die Nocken des Beutelwerkes und des Aufgabetrichters erzeugt. Daß der Müller bei Tag und bei Nacht stets „wach" blieb, dafür sorgte der Klopfer am leergelaufenen Trichter und die störanfällige Mechanik seines Mahlwerkes. Um ein gutes Einkommen zu haben, mußte die Mühle Tag und Nacht „im Dienst“ sein.

Bei gutem Wasser konnten pro Mahlgang fünf bis sechs Malter Korn, d.h. fast 500 kg bei 24-stündigem Betrieb gemahlen werden. Der Malter Korn kostete 9 - 16 Schillinge, je nach Güte. Der „Molter", der Mahllohn des Müllers, betrug damals den 16. Teil des Getreides. Er konnte also einen Schilling pro Malter verdienen, d.h. fünf bis sechs Schillinge in 24 Stunden.

Dafür konnte er z.B. 4 ½ Mahlzeiten oder 3 ½ Pfund Butter oder zwei Gänse oder ein Paar Schuhe kaufen. Für die Unterhaltung seiner Mühle mußte er aber auch etwas zurücklegen.

Für den Zimmermann, der ihm schwierige Reparaturen ausführte, benötigte er 3 ½ Schillinge pro Tag, zusätzlich die Kost. Der Mühlknecht bekam 1 1/3 Schillinge als Tageslohn, zusätzlich Kost. Dazu kamen die jährlichen Abgaben an den Pachtherren.

Es war ein karger Lohn, den er für seine schwere Arbeit bekam. Kein Wunder, daß er versuchte, möglichst viel aus seinem Geschäft zu schlagen. Zahlreich waren die Klagen über Betrügereien in den Mühlen. In Zunftartikeln und Verordnungen versuchten die hessischen Landgrafen unter Androhungen von Strafen dem zu begegnen.

Es dauerte noch lange Zeit, bis man von den Müllern als „Bachprinzen" sprechen konnte.

Autor:
Karl-Heinrich Schanz







Oben: Die Haue (oben), der Mitnehmer für den Läuferstein, neben Weck und Brezel im Nieder-Ramstädter Gerichtssiegel von 1635.





Bearbeiten der Mühlsteine



Wili Potratz beim Behauen (Schärfen) der Mühlsteine etwa 1975. Der interessierte Nachwuchs schaut zu: Stefan Schanz.



Die fertig behauenen Steine, rechts der untere, feststehende Stein, auf dem sich der linke, obere Stein („Läuferstein“) drehte. Man sieht auf ihm die Einbuchtungen, in die die Haue griff, um den Stein zu drehen.
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Ein sehr viel älterer Stein aus dem Odenwald mit deutlichen Einkerbungen für den Mitnehmer, die Haue. Die radialen Luftfurchen sind sehr sparsam, aber tief ausgebildet.



Funktionsskizze einer altdeutschen Getreidemühle (aus: Taschenbuch des Müllers, 1909)



Funktionsskizze des Mahlwerkes der wassergetriebenen Getreidemühle



Funktionsskizze des Mühlganges der wassergetriebenen Getreidemühle



Recht beschaulich hat der Zeichner das Geschehen in der Mühle dargestellt. So leicht ging's nicht von der Hand. Der heute noch sprichwörtlich schwere Maltersack, in dem Getreide an- und Mehl abgefahren wurde, wiegt knapp 2 Zentner!



Es klappern die Mühlen, aber nur Getreidemühlen. Das besorgt der Tanzmeister, der mit der Gabel (links) oder der Triangel in die Haue gesteckt ist und sich somit mit dem Läuferstein dreht. Der Vierschlag (oben) schlägt im Takt gegen den Rüttelschuh, wodurch das Mahlgut dosiert zwischen die Mühlsteine rutscht.
Grafik: Dr. Herbert Jüttemann