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Die Mühlen

Stand: 23. Aug 2012

 

 

 



 

Die Waldmühle auf der Modau in Ober-Ramstadt

Ursprünglich war die Mühle eine „Walkmühle", also ein Wassertriebwerk, auf welchem Wolltuche und Leder gewalkt wurden, um Wolle mittels Seifenwasser oder fettem Ton zu verfilzen und Leder weich und geschmeidig zu machen. Der Name „Waldmühle“ tritt erst Anfang des 18. Jh. auf.

1600
Die älteste urkundliche Erwähnung stammt aus der Zeit um 1600, nämlich die Bitte des Weißgerbers Michael Bauer zu Darmstadt, die Walkmühle "zu Rambstatt" benutzen zu dürfen. Er habe


„vernommen, daß zu Rambstatt eine Walkmühle sey. Die Knappen und Wollwenweber allhier wollen ihm nicht gestatten, daß er darin walke".

1629
In einer Beschreibung des Amtes Lichtenberg heißt es über Ober-Ramstadt u.a.

Daselbst eine Walk- und Poliermühle mit einem Gang, unterm Schachen gelegen, gehört dem Landgrafen.".

Unter Schleif- und Poliermühle verstand man eine Mühle zum Schleifen von Werkzeugen und Waffen und Polieren von Waffen und Harnischen. Dabei lagen die Arbeiter bäuchlings auf einem schrägen Brett vor dem Schleif- und Polierstein.

1708
In einem Einwohnerverzeichnis werden die Männer der Besitzer Krug mit der Berufsbezeichnung „Molitor" genannt. Spätestens dann ist die Mühle zur Getreidemahlmühle umfunktioniert worden.

1793
Ludwig Balthasar Ganß, der nächste Besitzer der Mühle, baut den schönen Renaissance-Torbogen auf, der durch die heutige Luftverschmutzung bald gänzlich zerstört sein wird.

1853
wird die Mühle durch Mühlenbauer Breitwieser aus Ober- Ramstadt und Mechaniker W. Kleier aus Darmstadt zur sog. „Kunstmühle" umgebaut. Zwei oberschlächtige, hölzerne Wasserräder treiben 4 Mahlgänge mit Beutelwerk, 2 Mahlgänge mit moderneren Siebzylindern, 1 Gerbgang und 1 Hirsemühle an. Besitzer der Mühle ist zu der Zeit Heinrich Walter II., einziges Ober- Ramstädter Mitglied im Großherzoglich Hessischen Gewerbeverein und höchstbesteuerter Untertan. Seine Mühle war es dem Gewerbeverein wert, als Mustermühle vorgestellt zu werden.

1899
übernimmt der "Hammermüller" (Müller aus der Hammermühle) Karl Breitwieser die in Schwierigkeiten geratene Mühle. Offenbar wird danach der Mühlenbetrieb eingestellt.

1904
nutzt der Kammfabrikant Gustav Rüger die Kraft der Wasserräder. In den Odenwälder Nachrichten annoncierte er


„Arbeiterinnen, junge, finden einige sofort dauernde Beschäftigung".

1905
werden Teile der Gebäude von der Maschinenbaufirma Rein aus Fürth übernommen.

1911-1915
ist Heinrich Schanz Pächter der inzwischen zur Gaststätte umgebauten Waldmühle.

1913
Besitzer der Mühlen- und inzwischen entstandenen Fabrikationsgebäude ist Georg Ludwig Anton, Eisengießerei und Maschinenfabrik. Anton stammt aus der bekannten Darmstädter Hofmusikerfamilie und war „Hofglockenist", der das Glockenspiel im Turm auf dem Darmstädter Schloß einstimmt und wartet.

1928
werden die Fabrikationsgebäude versteigert. Vermutlich übernahm damals die Firma Anthes & Gebhard, AGEO, die Gießerei und Maschinenfabrik. Zuletzt wurde die Gießerei durch die Kunstwerke bekannt, die sie für den Darmstädter Bildhauer Helmut Lander goß. Der Rhönradturner im Schulzentrum Darmstadt und die bewegliche, 11 Tonnen schwere Kopfplastik von Meckenheim bei Bonn seien hier stellvertretend genannt.

1970
Inzwischen sind die Fabrikationsgebäude der Firma AGEO weitgehend abgerissen und weichen einer Wohnbebauung. Auf einer Luftaufnahme aus den siebziger Jahren verliert sich das Mühlengebäude im großen Areal.

Die Großmutter von Karl-Heinrich Schanz, Verfasser dieser Seite, Anna Schanz, Ehefrau des Heinrich Schanz, Pächter der Restauration Waldmühle und Fuhrunternehmer, berichtete aus ihrer Zeit als Wirtsfrau:


Die Arbeiter der Firma Wacker & Dörr aus Ober- Ramstadt liefen immer gemeinsam über den "Wasserweg" zur Arbeit nach Nieder-Ramstadt und zurück. Meine Großmutter mußte morgens einige Gläser mit Klarem auf der Theke aufreihen. Die Arbeiter marschierten im Gänsemarsch an der Theke vorbei, kippten mit "Gemoje" ihren Schnaps hinunter und verschwanden zur Arbeit. Abends auf dem Rückweg die gleiche Zeremonie, allerdings kam dann der eine oder andere wieder zur Tür herein, um doch vielleicht noch ein Bier zu trinken. Trinkfeste Ober- Ramstädter soll es damals nicht wenige gegeben haben.




Die Eisengießerei in der Waldmühle (Bleistiftzeichnungen von Willi Potratz)

 

Die Verfasser:
Karl-Heinrich Schanz

Volker Teutschländer






Torbogen von 1793 (Abb. 3)



Schlußstein des Torbogens mit der Inschrift:
„Erbauet worden (von) Ludwig Balthasar Ganß
1793“.
Darunter das Familienwappen mit der Darstellung einer Gans.



Gaststätte in der Waldmühle 1912:
„Inhaber Heinrich Schanz“
(Abb. 5)



Auch die Waldmühle erlebte nach dem Ende ihrer Mühlengeschichte eine Verwendung für andere gewerbliche Zwecke seit der vorigen Jahrhundertwende, zuletzt als Eisengießerei.



Abb. 6, Plastik aus dem Angebotskatalog der Eisengießerei:
„Madonna mit dem Jesuskind, Best.-Nr. 105, Breite 10 cm, Höhe 35 cm, Gewicht 1,7 kg“



Das Mühlengebäude verliert sich im großen Areal der industriellen Nutzung. Die Aufnahme entstand nach 1986.