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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Die Mühlen

Stand: 23. Aug 2012 

 

 

 


 

Die Pulvermühle

mit dem einzigen funktionsfähigen Wasserrad im Mühltal

Die ersten Nachrichten über Pulvermüller im Mühltal erfahren wir aus dem Kirchenbuch zu Eberstadt. Ob der Standort ihrer Mühle bei der jetzigen Pulvermühle auf Nieder-Ramstädter Gemarkung lag, ist noch nicht nachgewiesen. Rudolf Kunz schrieb 1974 in „Der Odenwald“, daß es in der ersten Hälfte des 18. Jh. in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt keine Pulvermühle gab. Der Eintrag im Kirchenbuch läßt aber anderes vermuten.

1678
Im Mühltal wird die Pulvermühle gebaut. Der erste Pulvermüller ist der Salpetermacher Henrich Spieß. (Er stiftet der Kirche in Eberstadt 2 Gulden).

1682
Dem Pulvermacher Johann Leonhard wird eine Tochter getauft, zwei Jahre später ein Sohn.

1687/1694
Der Pulvermacher Leonhard stirbt. Johann Georg Krauß ist der neue Pulvermacher, wie der Taufeintrag für seinen Sohn 4 Jahre später nachweist. 1694 ist er aber Witwer und heiratet „Georg Nungessers Tochter Anna Margaretha“.

1703/1705

Hat sich Johann Ludwig Nungesser, Pulvermacher, weiyl. Peter Nungesser, Müllers, Centschöff und Gerichtsmann zu Nieder-Ramstadt, relicty Filiy, verlobt mit Anna Catharina, weiyl. Johann Jost Lindler, gewesenem Müller allhier, relicto Fila“.

Nungesser stirbt schon 2 Jahre nach seiner ersten Erwähnung als Pulvermüller.

1706
Jetzt erscheint wieder ein Pulvermüller Krauß, und zwar in Traisa. Er will die Glashüttenmühle in der Mordach erwerben, verliert aber gegen Johann Georg Frankenberger, der aus der untergegangenen Glashütte auf der Mordach flußabwärts seine neue Mahlmühle aufbaut, die „Frankenbergersmühle“, wie sie noch heute heißt.

1707
Letztmals in der Folge wird ein Pulvermüller genannt, nämlich „Daniel Ottmann, ein Müller, in der Pulvermühle wohnend“. Danach scheint die Mühle eingegangen zu sein.

1721/1723
Der Müller und Schultheiß Georg Johann Krauß aus Traisa richtet eine Bittschrift an den Landgrafen Ernst Ludwig und bewirbt sich um den Bau einer Pulvermühle unterhalb der Bohlenmühle. Dieses Vorhaben kommt aber nicht zur Ausführung, da der Landgraf nicht bereit war, den Bau der Mühle zu übernehmen. Auch Kraußens Versuch zwei Jahre später war vergeblich.

1750
In der Karte von F. T. Kolb ist keine Pulvermühle eingezeichnet.

1811
Philipp Fuhrmann gibt seine Pulvermühle im Stettbachtal auf und kommt nach Nieder-Ramstadt, um dort die Pulvermühle aufzubauen.

Der Darmstädter Hofkammerrat und Leiter des Physikalischen Kabinetts, Ludwig Johann Schleiermacher, berät ihn bei der Einrichtung der Pulvermühle. Er fertigt mehrere Getriebemodelle und ein Stampfenmodell für die Pulvermühle an, um eine max. Ausnutzung der Wasserkraft zu erreichen. Die Modelle sind in der Physikalischen Sammlung im Hess. Landesmuseum Darmstadt erhalten.

1813
Im Flurbuch ist verzeichnet: 

Pulvermüller Fuhrmann modo die Großherzogliche Kriegskasse in Darmstadt, zehendfrei. Hofgrund und dem Feld bei der Pulvermühl, ein Wohnhaus, ein Stall.“

1827
Im Brandkataster heißt es:

Der Großherzogliche Militärfiskus. Die Pulvermühle.“

Ein zweistöckiges Haus, ein Nebenbau und die Stallung haben einen Wert von 1680 fl, zwei Stampfmühlen, eine Rundmühle und ein Dörrehaus werden mit 4000 fl bewertet.

1836-1838
Die heutige Bundesstraße 426 auf der Teilstrecke Eberstadt – Nieder-Ramstadt – Ober-Ramstadt wird als Provinzialstraße gebaut. Die benötigten Steine werden vom Roßberg in Roßdorf und den Steinbrüchen an der Bohlenmühle angefahren (den Steinbruch auf dem Wingertsberg gibt es noch nicht). Pulvermüller Jacob Fischer, aber auch Papiermüller Illig und die Bruchmüller Wendel Götz und Jacob Zeh müssen Gelände abgeben und werden entschädigt.

1847
Nach baulichen Veränderungen und Erweiterungen wird der Versicherungswert auf 7050 fl erhöht. Pulvermüller  

auf der fiskalischen Pulvermühle“

ist Heinrich Werner.

1852
Die Pulvermühle brennt nach einer Explosion ab. Zwei Soldaten, ein Wachtmeister und Pulvermüller Werner kommen ums Leben. Der Großherzog befiehlt ihre Beisetzung in Darmstadt. Im Dieburger Wochenblatt wird gemeldet, daß über das Vermögen

des verlebten Pulvermüllers Concurs erkannt worden ist“.

Georg Fließ, Schreinermeister aus Nieder-Ramstadt, kauft das Mühlengrundstück, die Äcker werden verpachtet.

1858
Jacob Geibel ist Besitzer und baut eine zweigängige Mahlmühle an die Straße und verlegt dazu den Mühlgraben – siehe Lageplan rechts.

1859
Der Wert der Hofreite wird mit 10 000 fl angegeben. Im Brandkataster wird die Liegenschaft wie folgt beschrieben:

Wohnhaus 2stöckig, Mühle mi Mühlwerk, Wasserhaus mit zwei Rädern, Spreikammer, Schmiedewerkstatt und Stallung, Scheuer und Backhaus.“

1887
Die Schmiedewerkstatt wird nicht mehr erwähnt, aus ihr wurde eine Remise. Ein „Abtritt“ wird ebenfalls eingerichtet, da die Abwässer nicht mehr in den Mühlgraben geleitet werden dürfen.

1894

Peter Roß I., seit 2 Jahren auf der Pulvermühle, nimmt lt. Hypothekenbuch der Gemeinde 14000 Mark auf, der Wert der Mühle steht mit 17990 Mark entgegen.

1902
Das Mühlengebäude wird nochmals aufgestockt

1906
Peter Roß läßt seine Mühle schätzen, ein Indiz dafür, daß er verkaufen möchte:

 Hofraithe und Mühle mit 18300 Mark, Gesamt mit Äckern mit 23035 Mark.“

Käufer ist Prof. Dr. Rößler, der den Mühlenbetrieb nicht weiterführt, aber Experimente mit der Wasserkraftnutzung durchführt. Er baut ein modernes Zuppinger-Wasserrad ein und experimentiert mit einer Turbine eigener Bauart.

Dr. Rößler war der erste Leiter des im 19. Jh. gegründeten Instituts zur Erforschung historischer Führungsschichten in Bensheim. Er soll als erster Nieder-Ramstädter einen Kraftwagen besessen haben. Sein Fahrer hatte ihn nach jeder Ausfahrt zu putzen.

1998
wird die Wasserkraftnutzung vorübergehend wieder aufgenommen, um elektrischen Strom zu gewinnen.

2006
erwerben die Eheleute Friedrich und Sylvia Hechler die Pulvermühle, sanieren die gesamte Wasser- und Elektrotechnik und können seit 2007 den Eigenbedarf an elektrischem Strom erzeugen und Überschüsse an das öffentliche Netz abgeben. Die Pulvermühle ist damit die einzige Mühle im Mühltal mit voll funktionierender Wasserkraftnutzung.

Die Autoren:
Karl-Heinrich Schanz

Volker Teutschländer




weiyl.
= weiland = ehemals, verstorben; relicty Filiy = Sohn des Witwers; relicto Fila = Tochter des Witwers





Funktionsskizze einer Pulvermühle von Georg Andreas Böckler, 1673



Schleiermachers Modell einer Stampfe für die Pulvermühle Nieder-Ramstadt



Das Wasserrad der Pulvermühle, das einzige noch voll nutzbare im Mühltal – seit 2006 restauriert von Friedrich Hechler und Frau Sylvia



Der Generator, angetrieben von der Wasserkraft der Modau, erzeugt elektrischen Strom für das Anwesen der Pulvermühle. Das überschießende Aufkommen wird in das öffentliche Netz eingespeist.




Die Pulvermühle aus der Luft:
Links von der Hofreite die B 426, von ganz oben fließt der Mühlgraben rechts vorbei, die Modau als Vorfluter am äußersten rechten Bildrand



Der Park



Mühlentag 2009



Mühlentag 2011