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Die Mühlen

Stand: 21. Jun 2013

 

 

 


 

Die Papiermühle


1690-1695
Gründung als herrschaftliche Papiermühle durch Landgraf Ernst Ludwig (1678 – 1739).

1695
Als erster Papiermachermeister erhält Valentin Schreyer aus Schleusingen in Thüringen die Erbleihe.

1697
Seine Witwe heiratet Tobias Beyer aus Nidda in Oberhessen. Er wird verpflichtet, der Regierungskanzlei in Darmstadt das benötigte „Concept- und Kanzleipapier“ zu liefern.

1742
Beyer stirbt im Alter von 43 Jahren. Die Mühle geht in Konkurs. Erben und Erbeserben kämpfen über Jahrzehnte um die Begleichung ihrer Forderungen an die Stempelpapierkasse. 1794, nach 50 Jahren, werden die letzten Rückstände getilgt.

1743
Johann Heinrich Illig aus Unterschmitten im Taunus übernimmt die Papiermühle. Die Erbleihe wird ihm für 200 fl jährlichen Erbzins erteilt. Dafür muß er der Herrschaft (dem Landgrafen) den Ballen Conceptpapier zu 10 fl liefern, den Ballen Schreibpapier zu 16 fl 15 alb. Mit ihm beginnt die lange Papiermachertradition mit weit über die Region hinaus wirkender Bedeutung.

1745
Der Landgraf bewilligt Illig das Privileg zum Lumpensammeln in der Grafschaft zur Sicherung des damals einzigen Rohstoffs zur Papierherstellung.

Illig kauft für jeden seiner 4 Söhne eine Papiermühle.

1778
Die Papiermühle wird durch einen Großbrand schwer beschädigt. Die ein Jahr zuvor gegründete Brandassekurations-Kommission Hessen – Vorläuferin der Brandversicherungskammer – zahlt 98 fl Entschädigung.

1813
Enkel Johann Christian Illig übernimmt die Papiermühle. Ihm wird der Titel „Großherzoglich Hessischer Commissionsrat“ verliehen. Im Flurbuch ist eingetragen: 


„Papierfabrikant Christian Illig zu Erbleihe von gnädigster Herrschaft. Von der Mühle werden jährlich 200 fl Erbzins der Herrschaft entrichtet, da aber die Mühle nach dem Aufschlag atestiert (nach Brand wieder aufgebaut) worden und also hierbei auf alle darauf ruhende Kosten Rücksicht genommen ist, so werden diese noch auch für die Erbleihqualität etwas in Abzug gebracht.

1827
Im Brandkataster wird das Anwesen beschrieben mit Haus und Papierfabrik, Nebenbau mit Stall, Nebenbau ferner, Bad-, Wasch- und Papierleimhaus, Schoppen mit Wagenremise, Wert: 16000 fl.

Demnach wird in der Papiermühle noch mit alter Technik gearbeitet: Stampftrog zur Massebereitung, Handschöpfung, Pressung und Trocknung.

1835
In Wedekinds Vaterländischen Berichten heißt es allerdings jetzt: 


„Papierfabriken ersten Ranges besitzt das Großherzogtum nicht, auch in keiner eine Maschine für Verfertigung des Papiers ohne Ende, indessen ziemlich viel Papiermühlen . . . auch ist die Mühle bei Nieder-Ramstadt mit neuerdings verbessertem Werke zu nennen.“

Das bedeutet, daß Illig inzwischen statt des Stampftroges einen sog. „Holländer“ zur Bereitung der Papiermasse einsetzt, ein rotierendes Schneidwerk, das den Lumpenbrei mit Messern homogenisiert.

1840
Wilhem Justin Wagner berichtet in seiner „Geschichte und Beschreibung von Darmstadt und Umgebung“, daß der Schießstand und die Zapfwirtschaft auf der Papiermühle ziemlich stark besucht werden. Illig versucht also, ein zweites Gewerbe aufzubauen.

1846
Die Papiermühle brennt vollständig ab. Wilhelm Wendel Illig, der 1842 das Erbe angetreten hat und der als rasch entschlossener und energischer Mann beschrieben wird, läßt die Mühle als Papierfabrik sofort wieder aufbauen. Ein Verwandter, der „griechische Baumeister“ Ludwig Lange baut die Mühle wieder auf, die 1848 die Produktion wieder aufnimmt.

Ludwig Lange, geb. 1808 in Darmstadt, gest. 1868 in München, Bruder des Kupferstechers, Druckers und Verlegers Gustav Georg Lange in Darmstadt. Letzterer war mit der Schwester des Papierfabrikanten W. W. Illig, Sophie Elenore, verheiratet.

Ludwig Lange, Schüler Georg Mollers, ist Architekt, Zeichner, Maler und Schriftsteller. Er geht 1834 als Zeichner nach Griechenland und wird Professor der zeichnenden Künste am Gymnasium in Athen. Von ihm stammen die Pläne für das dortige Archäologische Nationalmuseum.

1838 kehrt er nach Deutschland zurück und heiratet Antonie Wilhelmine Hoffmann, die Tochter des Darmstädter Politikers Ernst Emil Hoffmann. 1847 wird Ludwig Lange Professor an der Bauschule der königlichen Akademie in München. Etwa 1862 baut Ludwig Lange für seine Schwägerin, die aus der Papiermühle stammt, ein „Lusthaus“ oberhalb der Mühle auf den Kohlbergen. Im Hypothekenbuch von Nieder-Ramstadt steht: „Gustav Georg Lange, verh. mit Sophie Elenore, geb. Illig, haben das Haus auf dem Kohlberg neu erbaut“. Die Mauerreste der Anlage sind noch heute zu sehen.

1849
Der Gewerbeverein für das Großherzogtum vermeldet in einer Statistik der Papierfabriken: 


„Wilhelm Illig, Nieder-Ramstadt , Betriebswasser: Modaubach, 1 Halbzeug- und 2 Ganzzeugholländer, 1 Maschine, 1 oberschlächtiges, 1 unterschlächtiges Wasserrad. Alle Sorten Hand- und Maschinenpapiere, vorzugsweise Kupferdruckpapiere, Tabakspapiere, feine Druck- und Schreibpapiere, Concept-, Tapeten- und farbige Papiere, ca. 5 Centner täglich.

Arbeiter: 24, halb männlich, halb weiblich. Löhne: 1 fl 30 Kr – 2 fl für Männer/Woche, 1 fl 20 Kr. - 1 fl 24 Kr für Frauen. Wohnung und Kost frei.“

Die Papiermühle in Nieder-Ramstadt ist die modernste im Großherzogtum.

1850
Im Darmstädter Adreßkalender wird die Papiermühle im Mühltal als Ausflugsort gepriesen.

1854
Das Gemeindearchiv verzeichnet: 


„Die Papiermühle des Papierfabrikanten Wilhelm Illig ist noch die einzige Erbleihe im Dorf. Alle anderen Erbleihgüter sind bereits in freies Eigentum übergegangen (Allodification).“

Dies kann als Zeichen gewertete werden, daß die Geschäfte nicht gut gehen, denn Illig kann offenbar die Ablösesumme nicht zahlen.

1865
Illig läßt eine Hypothek von knapp 70000 fl eintragen, sein Besitz wird mit 46000 fl angegeben. Damit scheint er sich übernommen zu haben. Keines seiner Kinder folgt ihm als Papiermacher nach. Sein ältester Sohn Justus und seine Tochter Katharina Sophia erbauen unweit das Gasthaus „Zum Kühlen Grund“ und setzen damit die Tradition der Zapfwirtschaft fort.

1867
Der letzte aus der Papiermacherfamilie Illig verkauft die Papiermühle an seine beiden Schwäger.

Die Liegenschaft wird im Brandkataster wie folgt beschrieben:


„Wohnhaus zweistöckig, Papierfabrik zweistöckig, Maschinenhaus mit Kamin und Leimhaus 1½stöckig, Scheuer und Stallung 1½stöckig, Pferde-, Kuh- und Schweinestall mit Schoppen zweistöckig, Seitenbau mit Wohnung, Wasch-, Back- und Brennhaus zweistöckig.“

Die neuen Besitzer bauen die Mühle weiter aus: 


„Lumpenkocherei mit Kesselmauerung, Dampfkamin daselbst, Werkstätte mit Anbau, Kesselhaus am Maschinenhaus, Maschinenbau für Querschneidmaschine, Halle an der Scheuer nördlich, Halle an der Scheuer südlich, Abtritte, Kalanderbau mit Dampfmaschinenpader und Fundamenten.“

1876
Alle Transporte von und zur Mühle müssen mit Pferden bewältigt werden. Die Besitzergemeinschaft plädiert für eine Eisenbahnverbindung zum Rheinhafen Gernsheim, so wie auch die Odenwälder Hartsteinindustrie. Nur die Teilstrecke Eberstadt – Pfungstadt ist verwirklicht worden.

1904
Die Papiermühle geht in Konkurs. Der Konkursverwalter läßt den Wert auf 121560 Mark schätzen, mit den Äckern auf 151227 Mark.

1905
In den „Odenwälder Neuesten Nachrichten“ ist zu lesen:


„Im Konkursverfahren der Illigschen Papierfabrik . . . werden die nicht bevorrechtigten Gläubiger etwa 25 pct ihrer Forderungen erhalten, vorausgesetzt, daß es gelingt, die Immobilien, die einen Wert von 300000 Mark repräsentieren, in Höhe ihrer 225000 Mark betragenden Belastung zu veräußern.“

Julius Vogtherr kauft die Mühle, sicher nicht zu dem geforderten Preis.

1907
Vogtherr stellt den Antrag, den Bach aus der Flachsröße („Stettbach“) in den obersten seiner beiden Weiher einleiten zu dürfen. Das Modauwasser war zu schmutzig geworden für die Papierherstellung.

Im Heimatlied der Nieder-Ramstädter von Jean Heppenheimer (1922) heißt es:

„ . . . Vogtherrs Papier steht nur in bestem Rufe . . .“

1913
Die Hessische Feuerwehrzeitung meldet: 


„In der Illigschen Papierfabrik ist am 12. Okt. durch elektrischen Kurzschluß ein Brand ausgebrochen, der den Dachstuhl niederlegte und einen Gesamtschaden von mehreren tausend Mark verursachte. Der Nieder-Ramstädter Feuerwehr wurde als Anerkennung für die schnelle und tatkräftige Bekämpfung des Fabrikbrandes von dem Besitzer, Herrn Vogtherr, 100 Mark überwiesen.“

1951
Die L. Cordier Wwe KG übernimmt die GmbH-Anteile.

1972
Die Firma wird zur Robert Cordier GmbH, inzwischen zur Illigschen Papierfabrik.

1974
Ein neuer Großbrand verursacht Schäden in Höhe von 3 bis 4 Mio DM, berichtet das Darmstädter Kreisblatt.

Das Unternehmen stellt heute Spezialpapiere, wie lichtdichte Fotoschutzpapiere, Nadelpapiere, Papier für Schulheftumschläge usw. her. Auf dem 300jährigen Standort ist ein handwerklicher Betrieb zu einem modernen mittelständigen Unternehmen geworden, die älteste industrielle Betriebstätte in der Region.

Die Autoren:
Karl-Heinrich Schanz

Volker Teutschländer




Die Illigsche Papierfabrik
in der ehem. Papiermühle




1 Ballen
= 10 Rieß = 200 Bücher = 5000 Bogen





Funktionsskizze über Papierherstellung



Wasserzeichen für das Großherzogliche Stempelpapier









Die Papiermühle vor dem großen Brand 1846
(oben)
und nach dem Wiederaufbau durch Baumeister Lange
(mitte)
und in einer Aufnahme um die Jahrtausendwende



Hübsch ins Tal eingebettet werden aus dieser Sicht die weniger attraktiven gewerblichen Einrichtungen verdeckt, aber auch die vielbefahrende Bundesstraße.



Die Illigsche Papierfabrik in der ehem. Papiermühle führt in ihrem Firmenlogo eine Zeichnung des Dachreiters auf dem Mühlenhaus, wie es nach dem großen Brand 1846 aufgebaut worden ist.



Grabstätte des berühmtesten Sohnes der Papiermachersippe Illig, Friedrich Moritz