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Die Mühlen (3)

Stand: 23. Aug 2012

 

 

 





 

Trotz unruhiger Zeiten: Der Aufschwung

Aufstieg unter den Landgrafen von Hessen

1479 begann eine neue Herrschaft in der Obergrafschaft. Der letzte Katzenelnbogener, Graf Philipp der Ältere, starb ohne männlichen Erben. Sein Schwiegersohn, Landgraf Heinrich III. von Hessen wurde neuer Landesherr. Landgraf Heinrich III. regierte nur vier Jahre in der Obergrafschaft, er starb bereits 1483. Sein Sohn und Nachfolger als Landesherr, Wilhelm III., ließ 1492 bestehendes Recht auf einem Landgerichtstag in Ober-Ramstadt verkünden.

In diesem Weistum wurde der Landgraf als oberster Vogt und Herr'

uber halß unnd heupt, uber wasser unnd weydt, vonn Newkirchen dem weysen gebel an biß gehn Stoxstatt eyn messerode in Rhein . . .“

bezeichnet. Ihm allein unterstand also die hohe Gerichtsbarkeit und er allein gebot über das Wasser am gesamten Modaulauf. Aber auch Wilhelm III. war keine allzulange Regierungszeit beschert, er starb bereits im Jahre 1500. Nachfolger wurde sein Vetter, Wilhelm II., der das Land bis zu seinem Tode 1509 regierte. In dieser Zeit hat sich die hessen-kasselische Regierung mit der Obergrafschaft recht wenig befaßt.

1506 wurde jedoch ein neues Register über die „Korngült" angelegt, in welchem die Abgaben der inzwischen auf 7 angewachsenen Nieder-Ramstädter Mühlen aufgeführt sind:


26 Malter Korn von Heyl Eberharts Mühl
22 Malter Korn von „Quix mul"
15 Malter Korn von der Bruch Mühl mit dem „buttelrad"
12 Malter Korn gibt Linhart Müller von der Bruchmühle
28 Malter Korn gibt Clauers Mühl im Dorf
14 Malter Korn die Neu Mühl bei Heyl Eberharts Mühl
2 Malter Korn die kleine Mühl auf der Waschenbach

Die Bruchmühle wurde also inzwischen tatsächlich zur Doppelmühle ausgebaut. Die Obere Bruchmühle hatte ein modernes „Buttelrad", was als Besonderheit vermerkt wurde. Offenbar handelte es sich um ein oberschlächtiges Rad, das erste in Nieder-Ramstadt. Neu hinzu kam die „Neu Mühl bei Heyl Eberharts Mühl“, die Untere Schachenmühle. Wie aus der vorhergehenden Aufstellung ersichtlich, waren die Mühlen eine gute Einnahmequelle.

Zu Anfang der Regierungszeit Philipps des Großmütigen, im Jahre 1518, belagerte der Reichsritter Franz von Sickingen mit einem großen Heer die Stadt Darmstadt. Schwer hatten auch die umliegenden Orte zu leiden. Nieder-Ramstadt wurde wie andere geplündert und niedergebrannt. Sicher blieben davon die Mühlen nicht verschont, obwohl Mühlen nach Reichsrecht zu den befriedeten Orten gehörten. Wer aber richtete sich jemals in Kriegszeiten nach Gesetz und Recht? In einem Lied aus dieser Zeit heißt es:


Ist aber nicht ein rehdlich that,
dasz dieser Feindt zerschlagen hat
in mülen alle steine,
dadurch er hat verhungern wolln
ufm land die arm gemeine."

Schon nach knapp dreißig Jahren, 1546 im Schmalkaldischen Krieg, fiel das Dorf wieder einer Plünderung anheim. Kaiser Karl V. hat Landgraf Philipp, den man später den Großmütigen nannte, geächtet und schickte Graf Maximilian von Büren mit seinen Truppen zur Unterwerfung der Obergrafschaft. 1547 wurde der Landgraf nach der Schlacht am Mühlberg gefangen genommen und kam erst 1552 wieder frei. In die Zeit seiner Abwesenheit fiel die Erbauung der Stolzenmühle, der späteren Alten Bohlenmühle. Im Jahre 1549 erwirkte Philipp Stolz von Gaubickelheim von der Regierung die Erlaubnis, seine Mühle zu errichten.

In diesen unruhigen Zeiten des 16. Jahrhunderts nahmen die Nieder Ramstädter Müller und Bäcker trotz der vielen Rückschläge einen unvergleichlichen Aufschwung. Acht Mühlen und ca. 35 Bäcker konnten neben der großen Konkurrenz aus Pfungstadt, Eberstadt und Ober Ramstadt nicht allein von dem örtlichen Bedarf existieren. Auch die Stadt Darmstadt war nicht so groß, daß so viele Handwerker davon leben konnten. Nur ein ausgedehnter Handel machte dies möglich.

Ein einzelner Handwerker allein, sei es Bäcker oder Müller, konnte dies aber nicht bewältigen und so gründeten Müller und Bäcker schon sehr früh Genossenschaften, um ihre Produkte herstellen und absetzen zu können. Aus Pfungstadt waren in einem Fall 16 Anteilseigner an einer Mühle bekannt, in Nieder-Ramstadt bis zu vier, wobei durchaus einige ungenannte Bäcker zur Mühlengemeinschaft hinzugerechnet werden können.

Dem Erfolg der Mühlen folgt die Blüte des Bäckerhandwerks

Den ältesten Hinweis auf das Nieder-Ramstädter Bäckerhandwerk und seine Handelstätigkeit liefert eine Klageschrift des Grafen Johann von Katzenelnbogen aus dem Jahre 1405. Graf Johann erhebt gegen den Ritter Johann von Kronberg den Alteren verschiedene Forderungen, unter anderem auch folgende:

. . . Drei Bäckern von Nieder Ramstadt wurden drei Pferde und Geld bei Dieburg auf des Reiches Straßen (von den Leuten des Ritters) genommen und nach Kronberg gebracht.

Auch hierfür fordert der Graf Ersatz. . .

Wahrscheinlich betrieben die Bäcker schon Ende des 15. Jahrhunderts auch den Handel mit Getreide. Sie boten ihre Backwaren auf den Märkten weit im Land an und so lag es auf der Hand, daß sie auf der Rückfahrt gleich das Getreide für die Mühlen mitbrachten. Erste Handelsaktivitäten von Nieder-Ramstädter Bäckern sind aus dem Jahre 1493 bekannt.

Philipp Lutz und seine „Mitgesellen die Becker zu Nidderrampstat" kaufen in Gernsheim 223 Malter Spelz für 200 Pfund Heller, 10 Schillinge und 3 Pfennige.

Hat Martin Luther Rämschter Weck gegessen?

An „Großtaten“, die nur gemeinsam bestanden werden konnten, sind folgende überliefert:

1521 belieferten sie den Reichstag in Worms, auf dem sich Luther rechtfertigte, mit Brot.

1522 versorgten sie das Belagerungsheer ihres Landesherren, Philipp des Großmütigen, bei der Unterwerfung der Kronberger im Taunus und

1523 das gleiche Heer bei der Belagerung des Franz von Sickingen in Landshut und Ebernburg bei Kreuznach.

1534 lieferten sie Backwaren an die Truppen ihres Landesherren bei ihrem Zug nach Süddeutschland und dem Sieg über die Österreicher bei Lauffen am Neckar.

1539 im April versorgten sie das Hoflager Philipps in Frankfurt, wo der als „Frankfurter Anstand" bezeichnete Religionsfriede zwischen Kaiser Karl V. und dem Schmalkaldischen Bund ausgehandelt wurde.

1544 beim Reichstag in Speyer lieferten sie ins Lager ihres Landesherren Brot aus 698 Malter Korn, das hierfür vermahlen wurde.

1546/47, im Schmalkaldischen Krieg, mußten sie zuerst das Heer des Landgrafen Philipp und nach seiner Niederlage und Gefangenschaft das Heerlager seines Feindes, Kaiser Karl V. in Frankfurt unter dem Heerführer Graf von Büren beliefern, dem gleichen, dessen Truppen im Jahr vorher ihr Dorf plünderten.

1552 versorgten sie das Belagerungsheer des Kaisers vor Metz.

Nach der Rückkehr ihres Landesherren aus der Gefangenschaft kehrten auch für die Nieder-Ramstädter Müller und Bäcker wieder ruhigere Zeiten ein. Kurz vor seinem Tode, im Jahre 1567, teilte Landgraf Philipp testamentarisch die Landgrafschaft unter seine vier Söhne auf. Georg I. bekam die Obergrafschaft und begründete damit die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

Verfasser
Karl-Heinrich Schanz