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Geschichte > Mühltal

Stand: 13.01.2013

 

 

 


 

Handwerkerzeichen

Handwerkerzeichen, wie sie hier besprochen werden, haben nichts mit dem Deutschen Handwerkerzeichen von 1934 zu tun, das bis 1994 das offizielle Emblem des deutschen Handwerks war. Es ist auch heute noch auf vielerlei Dokumeneten zu finden.

Handwerker schufen sich über die Jahrhunderte Zeichen für ihren Berufsstand, die sie – durchaus als Werbeschild und versehen mit aussagekräftigen weiteren Zeichen – in der Art von Wappen, wie sie Adeligen vorbehalten waren, an ihren Häusern, Höfen oder Werkstätten anbrachten. Sie waren zum großen Teil in recht künstlerischer Form als Schlußsteine von Torbögen oder -hallen, an Fassaden oder an Eingängen ausgeführt. Handwerkerzeichen stehen weitgehend unter Denkmalschutz, nachdem die meisten zusammen mit vielen Handwerksbetrieben aus den Stadtkernen verschwunden sind.

Im Mühltal waren jahrhundertelang – zum Teil über die 1900er Jahrhundertwende hinaus – die wichtigsten, weil wirtschaftlich bedeutsamsten Handwerker die Müller, im Gefolge von deren Erzeugnissen die Bäcker und Partierer, ferner die Zimmerleute. In dem Werk von Friedrich Mößinger „Odenwälder Handwerkerzeichen“ von 1961 werden die damals noch sichtbaren Mühltaler Handwerkerzeichen behandelt, beschrieben und in eigenhändigen Zeichnungen des Autor abgebildet.

Die Zeichen der Bäcker

Eine Krone findet sich im Mühltal noch zweimal als höchste Zier in Handwerkerzeichen. Mößinger räumt unter den Odenwälder Zeichen der Bäcker dem Wappenstein von 1732 über dem Torbogen des „Englischen Hofes“ (Bahnhofstraße 1, Nieder-Ramstadt) vergleichsweise breiten Raum ein. „Man sieht unter der Krone eine dünne Brezel, darunter gekreuzt einen Spitzweck und einen Doppelweck, alles eingerahmt von zwei Blattzweigen, wie sie in der Barockzeit üblich sind.

In Nieder-Ramstadt wie in dem Nachbarort Traisa spielten diese Gebäcke schon seit alter Zeit eine besondere Rolle. Es gab in beiden Orten schon 1596 über 40 handeltreibende Bäckermeister, die ihre Ware sehr weit in die Umgebung beförderten und auch große Lieferungen bei besonderen Gelegenheiten zu machen imstande waren. Reichstage, Fürstenversammlungen und Heerlager wurden von ihnen versorgt. Urkundlich werden sie zum ersten Mal 1420 auf ihren Handelsfahrten in Gernsheim erwähnt.

Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg erlangten sie bald wieder ihre alte Bedeutung, wenn auch nicht ganz den alten Gewinn. Immerhin durften sie an sehr viele umliegende Städte Wecken liefern, auch an solche im kurmainzischen Gebiet. Bei dieser Bedeutung des Bäckerhandwerks in Nieder-Ramstadt und Traisa ist es nicht verwunderlich, daß auch die Ortsgerichtssiegel beider Orte Brezel und Spitzwecke zeigen, dazu auch die Pille [Mühlhaue], ein Instrument der Müller, deren Bedeutung begreiflicherweise in Nieder-Ramstadt ebenfalls groß war.“

Die Zeichen der Müller

Noch einmal erwähnt Mößinger Nieder-Ramstadt, nämlich bei den Handwerkerzeichen der Müller: Eng verbunden mit den Bäckern finde man fast überall im Odenwald die Müller. „Das ist deutlich bei den Siegeln von Nieder-Ramstadt . . .)“ Und auch von Traisa. Wobei Mößinger die Müller mit den Bäckern verbindet: Waren nicht eher die Müller die Henne . . .

Mehr über die auf das Müller- und Bäckerhandwerk zurückzuführenden kommunalen Symbole im Mühltal unter Wappen.

Der Zustand des Handwerkerzeichen an der Toreinfahrt zur Geibelsmühle in Nieder-Beerbach ist bedauernswert. Die endgültige Zerstörung dieses Handwerkerzeichens der Mühle schreitet von Jahr zu Jahr zusehends fort. Das Zeichen zeigt unter der Krone ein Mühlrad mit der Jahreszahl 1800 und den Initialen FR des Müllers Franz Reiß.

Die Zeichen der Zimmerleute

Handwerkerzeichen der Zimmerleute gab es im Odenwald zur Zeit der Beschreibungen Mößingers außer in Lindenfels nur noch in Frankenhausen, Zeilstraße 32. Der aus dem Vogtland eingewanderte Zimmermann Jost Feiler hat an seinem 1702 erbauten Haus einen Eckpfeiler mit feinen gebeilten Mustern verziert und darüber das Zeichen seines Standes angebracht. Inzwischen ist dieses besondere Denkmal der Handwerkskunst unter schnödem Verputz verschwunden. In Nieder-Beerbach hat der spätere selbständige Zimmermann Georg Steiner noch 1950 ein Handwerkerzeichen in Sägetechnik am Hoftor seines Meisters Philipp Schneider angefertigt.


 

Text:
Volker Teutschländer


Quellen:
Heinz Bormuth

Friedrich Mößinger
„Odenwälder Handwerkerzeichen“
1961


Das Bäckerzeichen am ehem. Englischen Hof in Nieder-Ramstadt



Das Müllerzeichen an der Geibelsmühle (auch Ölmühle oder Schneidmühle)
in Nieder-Beerbach

(Fotos: Karl-Heinrich Schanz)





Die Gerichtssiegel von Nieder-Ramstadt und Traisa mit den Zeichen des Bäcker- und (ohne Traisa) des Müllerhandwerks





Das Zeichen der Zimmerleute über den gebeilten Verzierungen am Eckpfosten in Frankenhausen – leider verdeckt durch eine moderne Fassadenverkleidung



Noch ein Handwerkerzeichen der Zimmerleute, nämlich am Hoftor der ehemaligen Zimmerei Philipp Schneider in Nieder-Beerbach, Mühlstraße 13, angefertigt in Sägetechnik vom damaligen Gesellen Georg Steiner, später selbst selbständiger Zimmermeister



Handwerkerzeichen der Schmiede auf einem Grabmal auf dem ehem. Kirchhof Nieder-Ramstadt. Teil der Inschrift:
Hier ruhet
Johann Sebastian Krug
gewesener H
ufschmidt . . .